Polens wunderschöne Ostseeküste

Eine (viel zu späte) Entdeckung 

Polens Ostseeküste hatte ich schlicht und einfach ein paar Jahrzehnte komplett unterschätzt. Ich glaube, es war sogar eher so, dass ich sie überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Als Belgier kenne ich natürlich die belgische beziehungsweise die niederländische Nordseeküste in- und auswendig und weiß die Orte dort wirklich zu schätzen. Dass Polen in dieser Richtung auch etwas zu bieten hat – und zwar sehr viel –, habe ich erst gelernt, als ich meine jetzige Frau Karolina kennengelernt hatte. Sie stammt aus Polen und folgerichtig haben wir dann 2012 unseren ersten Urlaub an der polnischen Ostseeküste verbracht.

mutter und Kind in den Dünen an der polnischen Ostsee
Kurzer Zwischenstopp bei Koszalin nach einem sehr langen Tag an der polnischen Ostseeküste

Die polnische Ostseeküste ist rund 500 Kilometer lang und wird auf einem Großteil dieser Strecke von dichten Küstenwäldern gesäumt. Diese Kiefernwälder wurden oft gezielt zur Dünenbefestigung gepflanzt und stehen heute in großen Teilen als Nationalparks unter strengem Naturschutz. Deshalb erlebst du dort die seltene, direkte Kombination aus Sandstrand und naturbelassenem Wald. Das wäre der erste und wohl auch wichtigste Unterschied zur von mir immer favorisierten belgisch-niederländischen Nordseeküste, die zwar auch ihr ganz eigenes Flair hat, aber nicht unbedingt deshalb, weil sie sich besonders naturbelassen oder gar dicht bewaldet präsentiert.

Polen, Ostsee, Segelboote

In Polen ist es tatsächlich sehr häufig so, dass der Weg zum Strand vom Hotel oder Campingplatz zuerst durch einen Wald führt, was wir immer als sehr angenehm empfinden. Wie oft haben wir an besonders heißen Tagen am Strand den unmittelbar dahinter angrenzenden Wald als Sonnenschutz genutzt und von dort aus die Nachmittagssonne und den Sonnenuntergang beobachtet.

Und natürlich nutzte ich nahezu täglich die Gelegenheit, in der besonderen Atmosphäre des Sonnenuntergangs auch noch Portraitaufnahmen von all denjenigen zu machen, die Lust darauf hatten. Gerade dieses warme Abendlicht bot dafür natürlich eine perfekte Kulisse.

Das Schöne daran war, dass die meisten Aufnahmen ganz spontan entstanden und niemand dafür extra posieren musste. Ein kurzer Spaziergang am Strand, ein paar Minuten im richtigen Licht  – so entstanden im Laufe der Jahre einige meiner liebsten Portraits an Polens Strände.

Mittlerweile haben wir an der polnischen Ostsee vier ausgiebige Urlaube verbracht und der von uns am häufigsten besuchte Ort heißt Łukęcin. Lukecin ist ein idyllisches, kleines Badeort-Dorf an der polnischen Ostsee, das für seine Ruhe und Abgeschiedenheit bekannt ist. Der Ort liegt, wie oben beschrieben, nah an dichten Kiefern- und Fichtenwäldern, die sich direkt an den feinsandigen Strand anschließen. Durch diese geschützte Waldlage bietet Lukecin ein besonders reines Mikroklima, das sowohl für Strandliebhaber als auch für Naturliebhaber wohltuend ist.

Zugegeben, wir hätten dieses kleine Küstendorf niemals entdeckt, wenn nicht Karolinas Onkel eben genau dort einen Campingplatz und eine kleine Ferienanlage in Eigenregie gebaut und betrieben hätte. Natürlich hat er uns ein knappes Jahr nach der Eröffnung 2012 dorthin eingeladen. Und von da an waren wir dann eben dort Dauergäste.

strandfoto, polen, ostsee, unwetter

Was natürlich trotz sehr schöner und sehr günstiger Unterkunft bei einem Fotografen überhaupt nicht geht, wäre ein allzu langes Verweilen an ein und demselben Ort. Alle zwei Tage haben wir uns von Lukecin aus ins Auto gesetzt, um voller Vorfreude Polens schönsten Küstenstädten einen Besuch abzustatten.

Sopot, Polens elegante Seite

Eine der interessantesten und bekanntesten Städte an Polens Küste ist Sopot, der wohl edelste Küstenort Polens. In der Hauptsaison ist er recht überlaufen, dennoch ist das vornehme Seebad aufgrund seiner traumhaften Lage, eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln, schönen Parks und weiten Ostseestränden, unbedingt einen Aufenthalt wert.

 

Das Prachtstück des Ortes ist das im Neobarock- und Art-déco-Stil erbaute Sofitel Grand Sopot (ehem. Kasino Hotel) an der berühmten Seebrücke. Dieses legendäre 5-Sterne-Luxushotel versprüht mit seiner glamourösen, detailverliebten Architektur bis heute den noblen Charme der Goldenen Zwanziger Jahre.

Koszalin und Mielno: Wenn die Verwandtschaft plötzlich zum Reiseführer wird

Ein weiterer interessanter Ort an der polnischen Ostseeküste ist die etwa 105.000 Einwohner zählende Stadt Koszalin.

Nun, sie liegt zwar nicht direkt an der Küste sondern ist eine gute halbe Autostunde von ihr entfernt. Aber auch hier spielte uns mal wieder Karolinas Verwandtschaft in die Karten. Karolinas Schwester, Ewa und ihr Ehemann Marcin wohnten sozusagen aus beruflichen Gründen einige Jahre lang in Koszalin.

Da bot es sich natürlich an, dass wir dort auch einige Tage übernachten durften.

Die Küstenstadt, die wir von dort aus regelmäßig ansteuerten, heißt Mielno, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Koszalin. Durch unsere Verwandten erhielten wir natürlich sehr schnell speziellere Infos über Mielno und die dort anliegenden Dörfer.

In Polen heißt das klassische Äquivalent zu „Fish and Chips“ „Ryba z frytkami“ und ja, das beliebte Gericht schmeckt fast überall wirklich gut. Den absoluten Geheimtipp für das mit Abstand leckerste „Ryba z frytkami“ gaben uns allerdings Ewa und Marcin.

Polen, Strand, Sonnenuntergang, Fischerboote

Wir hätten diesen kleinen Fischerort samt Fischrestaurant, etwa fünf Kilometer westlich von Mielno, überhaupt nicht auf dem Schirm. Genauso wenig hätten wir als einfache „Touris“ mitbekommen, dass an diesem kleinen Küstenort auch die Anlegestellen der Fischerboote liegen.

Hin zur Quelle: Von leckeren Fish and Chips direkt zu den Fischern am Strand von Chłopy

Ewa und Marcin, meine angeheiratete Verwandtschaft, kannten dieses Event aber punktgenau und erzählten schon beim leckeren Fish-and-Chips-Essen, wo es für uns alle ab 19 Uhr hingehen muss. Als sie fragten ob meine Kameras noch „für ne Stunde genug Saft“ hätten, hoffte ich, dass sich zum Ende unseres schönen Tages am Strand auch fotografisch nochmal ein Höhepunkt offenbart.

Und tatsächlich: Gegen 19 Uhr, als wir vom Fishimbiss aus an den besagten Strandabschnitt gingen, konnten wir schon in etwa 500 Meter Entfernung erkennen, dass das Event anscheinend tatsächlich ein Highlight zu sein schien.

Fischerboote, Strand, Polen, Ostsee, Kinder, Fischer

Vom Strand aus liefen wir in Richtung Dünen an ein angrenzendes Waldgebiet hoch. Dort standen tatsächlich etwa 150 Menschen, teilweise mit Ferngläsern oder Kameras bewaffnet, und warteten auf die ankommenden Fischerboote. Viele konnte man bereits im Wasser erahnen, ein paar wenige waren sogar bereits gestrandet und wurden von Helfern gekonnt Richtung Strand gezogen.

Für mich, nein, für uns alle, herrschte dort eine wunderbare und besondere Atmosphäre. Die Sonne am Meereshorizont zeigte sich uns von ihrer schönsten Seite. Der Abendhimmel leuchtete uns ein kräftiges Orange in die Augen. Am Strand rannten Kinder neugierig zu den eintreffenden Booten und beobachteten die Aktivitäten der Fischer auf den Booten.

polnische ostsee, mielno, Ankunft der Fischerboote am Abend
Zuerst fotografierte ich die Szenerie von oberhalb der Dünen, angezogen von der großen Menschentraube. Nach etwa 10 Minuten bin ich dann aber zum Glück endlich nach unten auf den Strand und der untergehenden Sonne entgegen gegangen, um mich behutsam den Booten und den dort herumstehenden Menschen zu nähern.
Das Gefühl, mitten in ein lebendiges Gemälde hineinzulaufen

Ja, diese knappen 60 Minuten fühlten sich aus meiner Sicht einfach surreal an. Ich fotografierte das Geschehen sehr ruhig, bewegte mich fast wie in Zeitlupe, vielleicht weil ich mich intuitiv dieser Choreografie der Langsamkeit anpassen wollte. Es gab ein paar Momente, da dachte ich tatsächlich, man würde hier am Strand von Chlopy – extra für mich –  eine kleine Theatervorführung präsentieren, die ich dann einfach mit meiner Kamera festhalten durfte.

Das Licht war perfekt gesetzt, der Strand fungierte als die große Bühne, Boote waren die Kulissen und die Menschen dienten als die Hauptdarsteller dieses spektakulären Abendschauspiels.

Manchmal braucht es als Fotograf nicht viel. Man muss einfach nur da sein.