30 Jahre am Rhein.

Der Rhein ist für mich nicht einfach ein Fluss vor der Haustür. Er ist Landschaft, Orientierung, Freiraum und ein ständig wechselnder Lebensraum – und Grund dafür, warum sich Köln für mich nach Zuhause anfühlt.
Der Rhein gibt mir das Gefühl, Platz zu haben.

Köln ist dicht besiedelt. In vielen Stadtteilen ist die Stadt eng bebaut, Straßen, Häuser und Verkehrswege bestimmen das Bild. Köln kann sehr laut und hektisch sein. Der Rhein durchbricht diese Dichte.

Da ist plötzlich diese große, unverbaubare Fläche. Eine Landschaft, die sich über viele Kilometer durch die Stadt zieht und mir das Gefühl gibt: „Ahhh, hier ist alles frei.“ Der Rhein ist dabei nicht einfach nur eine freie Fläche. Er gibt mir auch den Weg durch die Landschaft vor.

Das Rheinufer in Köln Stammheim früh Morgens bei dichtem Nebel. Foto Copyright: Bernd Löber

Ich kann am Wasser entlanggehen und habe das Gefühl, mich durch eine offene Landschaft zu bewegen, obwohl ich mich mitten in einer Großstadt befinde. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich mich so stark zu Flüssen und ihren Ufern hingezogen fühle: Sie schaffen Raum, ohne dass man dafür die Stadt verlassen muss.

Rheinuferwanderunng in Köln, rechtsrheinisch zwischen Köln Mülheim und Deutz. Foto Copyright: Bernd Löber
 Der Rhein ist niemals wirklich still.

Was mich am Rhein fasziniert, ist seine permanente Bewegung. Der Fluss fließt – immer. Und alles um ihn herum scheint auf irgendeine Weise auf diese Bewegung zu reagieren. Die Ufer verändern sich, die Vegetation reagiert nicht nur auf das Wetter und die Jahreszeiten, sondern sehr häufig auch direkt auf die Wasserstände. Treibgut kommt und geht, Licht und Spiegelungen verändern sich von Stunde zu Stunde. Wo letzte Woche noch nichts außer langsam, aber stetig fließendes Wasser zu entdecken war, entsteht plötzlich ein von Tag zu Tag größer werdender Sandstrand, der die Menschen zum Sonnenbaden einlädt.

Selbst innerhalb einer einzigen Jahreszeit kann sich die Landschaft an den Rheinufern innerhalb weniger Tage deutlich verändern. Meinen fast täglichen Spazierweg von Köln-Stammheim nach Deutz müsste ich visuell ja eigentlich in- und auswendig kennen. Nach guten zehn Jahren des Auf und Ab dürfte mich dort eigentlich gar nichts mehr reizen oder gar überraschen. Es ist aber eher andersherum.

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Mein mit Abstand meist besuchter Ort am Rhein: Das Rheinufer zwischen Köln Stammheim und Flittard.

Ich kann denselben Weg hundertmal gehen und trotzdem immer wieder neue Dinge entdecken. Der Rhein lässt bekannte Orte und Details nicht erstarren – seine ständige Bewegung verändert sie immer wieder aufs Neue. Tag für Tag.

 

Der Rhein zeigt mir den Weg.

Ich mag es, dass der Rhein für mich eine eindeutige Leitlinie durch die Landschaft bildet.

Wenn ich am Rhein unterwegs bin, gibt es für mich – ganz vereinfacht – nur zwei Richtungen: rheinaufwärts oder rheinabwärts.

Klingt vielleicht banal, ist für mich aber ein wichtiger Punkt. Bei Waldwanderungen merke ich immer sehr deutlich, wie sehr es mich anstrengt, mich immer wieder neu orientieren zu müssen. Und mehr Möglichkeiten zu haben, ist ja zudem nicht immer ein Vorteil. Zu viele Optionen bedeuten oft nur mehr Entscheidungen, die Energie kosten. Der Rhein dagegen gibt mir seine natürliche Achse vor, an der ich mich entlangbewegen kann.

Der Rhein ist damit nicht nur Landschaft, sondern auch ein sehr einfach funktionierendes Orientierungssystem. Eine kilometerlange Linie, die mir ermöglicht, mich durch eine ansonsten komplexe und dicht bebaute Umgebung zu bewegen.

Einer der schönsten "Leisen Wege" Kölns, rechtsrheinisch. Er führt von Köln Flittard mit einigen Unterbrechungen nach Köln Deutz. Foto Copyright: Bernd Löber
Der Rhein verändert die Natur – und hinterlässt Spuren.

Der Rhein ist für mich auch deshalb interessant, weil er seine Umgebung ständig verändert.

Nicht nur Jahreszeiten, Wetter oder Tageslicht bestimmen, wie seine Ufer aussehen. Auch das Wasser selbst arbeitet sich an der Landschaft ab und verändert sie – manchmal dezent, manchmal sehr deutlich. Das fließende Wasser schwemmt Dinge an, nimmt andere mit, lagert Material ab und legt wiederum anderes frei.

Was heute am Ufer liegt, kann morgen schon verschwunden sein.

Für mich als Wanderer und Fotograf ist das immer wieder spannend. Der Rhein hinterlässt ständig neue Spuren, während er gleichzeitig alte verwischt. Treibholz, Kies, Steine, Pflanzenreste oder andere angeschwemmte Dinge werden Teil einer Landschaft, die sich teilweise im Stundentakt neu zusammensetzt.

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Das fließende Wasser legt die Wurzeln frei. des schönen Rheins legt auch schonmal wurzeln frei. Foto Copyright: Bernd Löber
Der Rhein setzt mir Grenzen – und nimmt sie wieder weg

Vielleicht ist das einer der faszinierendsten Aspekte des Rheins überhaupt: Er entscheidet mit darüber, wo und wie ich mich bewegen kann.

Sein Pegelstand verändert meine Wege.

Gerade in Köln können manchmal wenige Dezimeter darüber entscheiden, ob ein ufernaher Weg noch begehbar ist oder bereits unter Wasser steht. Wege verschwinden, andere werden zugänglich. Eine bekannte Strecke kann plötzlich zur Sackgasse werden – oder eine neue Perspektive eröffnen. Wo man zum Ende des Sommers noch bequem mit dem Fahrrad hinfahren konnte, um ein paar Stunden von Leverkusen aus den Niehler Hafen zu fotografieren, ist plötzlich kein Hinkommen mehr.

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Das Rheinufer bei Köln Stammheim mit Blick Richtung Leverkusen. Foto Copyright: Bernd Löber

Der Rhein ist dadurch gewissermaßen ein Landschaftsgestalter, dem ich mich als Wanderer und Naturfotograf sehr gerne freiwillig ausliefere.

Denn genau diese Unberechenbarkeit und Veränderlichkeit in relativ kurzen Zeitabständen gefällt mir.

Die beiden Extreme des Rheins.

Hochwasserzeit – wenn sich  der Rhein den Raum zurücknimmt.

Im Winter und Frühjahr zeigt sich der Rhein häufig von seiner anderen Seite.

Als Wanderer oder auch Radfahrer bedeutet Hochwasser zunächst einmal Einschränkung. Überschwemmte Promenaden, Strände und ufernahe Wege sind nicht mehr oder nur noch bedingt zugänglich. Man wird auf höher gelegene Wege und Deiche gelenkt. Für mich als Fotografentsteht dadurch aber gleichzeitig etwas Neues.

Das Wasser reicht plötzlich bis an Bereiche heran, die normalerweise trocken sind. Überschwemmte Flächen spiegeln die Kölner Skyline, Brücken und das Licht der Stadt. Bekannte Motive erscheinen in einer völlig anderen Umgebung.

Der Rhein bei Hochwasser versperrt mir in aller Regelmäßigkeit altbekannte Wege, aber niemals die Sicht. So entstehen auch an Orten, an denen ich hunderte Male war, immer wieder neue, interessante Bilder.

 

Niedrigwasserzeit – wenn der Rhein seinen Raum freigibt

Im Spätsommer und Frühherbst passiert das Gegenteil.

Wenn der Pegel deutlich sinkt, gibt der Rhein teilweise unfassbar große Flächen frei, die normalerweise unter Wasser liegen. Kiesbänke, Sandflächen und Steinbuhnen werden plötzlich begehbar. Auch die Vegetation scheint sich dann um ein Vielfaches zu vergrößern.

Teilweise kann man dann kilometerweit direkt am Wasser entlanglaufen – auf Flächen, die wenige Monate oder Wochen zuvor noch zum Flussbett gehörten.

Auch fotografisch verändert sich dadurch alles. Man kommt näher an den Fluss heran, entdeckt freiliegende Strukturen, Brückenfundamente, Treibholz, angeschwemmte Gegenstände oder bemooste Steine. Das „Mehr an Platz“ lässt gleichzeitig neue Perspektiven entstehen, die bei normalem Wasserstand noch nicht einmal zu erahnen wären.

Der gleiche Rhein, die gleiche Stadt, die gleichen Brücken – und trotzdem eine völlig andere Landschaft.

Wenn ich darüber nachdenke, warum ich seit 30 Jahren am Rhein wohne, nahezu täglich an ihm entlanglaufe und mir kaum vorstellen kann, irgendwo ohne einen Fluss in der Nähe zu leben, dann geht es wahrscheinlich gar nicht nur um Wasser.

Es geht um Raum, der sich ständig verändert, erweitert und verkleinert. Es geht um Bewegung und um die lineare Struktur, die mir als Fußgänger den Weg weist, während das konstante Fließen des Rheins im Minutentakt Neues hervorbringt, das es zu entdecken gilt.